Zur Ausstellung „Schnittstellen“

Ich bin gebeten worden, etwas über mein Projekt „Schnittstellen“ zu erzählen. Der Titel bezieht sich in seiner Mehrdeutigkeit einerseits auf meine Vorliebe, in Holzplatten zu ritzen, fräsen und zu schneiden, andererseits auf die Berührungspunkte zwischen alten und neuen Techniken, oder emphatischer ausgedrückt, zwischen Tradition und Moderne. Außerdem überschneiden sich – und das war anfangs ungeplant – die Hannoveraner Präsentation und die gleichlautende Ausstellung im Gutenberg-Museum in Mainz. Während in der Geburtsstadt Gutenbergs hauptsächlich die im Buchdruck hergestellten Grafikzyklen betrachtet werden können, sind in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek (GWLB) neben „klassisch“ produzierten Büchern auch digitale Arbeiten und Fotografien zu sehen.

Nicht von ungefähr liegt deshalb in der Mitte des Foyers mein „Lob des Digitaldrucks“ neben einem 200 Jahre alten japanischen Holzschnittmotiv aus der berühmten Sammlung von Gerhard Schack.

Bevor ich darauf zu sprechen komme, möchte ich meine anhaltende Druckbegeisterung autobiografisch erläutern. Während meiner Schulzeit Mitte der sechziger bis Ende der siebziger Jahre war das „Spirit-Carbon“-Umdruckverfahren noch gang und gäbe, berühmt-berüchtigt wegen seiner alkoholischen Ausdünstungen. Besonders beliebt waren die farbigen Drucke im Biologieunterricht (je mehr Farbe, desto mehr Inhalation!), die ersten Exemplare einer Auflage waren besonders intensiv in Aussehen und Geruch und vom Kenner begehrt. Außerdem gab es noch Wachsmatrizen, die mit mechanischen Schreibmaschinen und speziellen Stiften beschrieben und bezeichnet werden konnten. Die fertigen Schablonen wurden in handbetriebene Vervielfältigungsgeräte eingespannt, über denen eine Aura von Untergrund und Illegalität lag. Das Verfahren ist mit dem Siebdruck vergleichbar, das Papier war rauh und nahm die fettige Farbe mehr oder weniger gut auf, das Druckergebnis war meist mäßig bis saumäßig. Dennoch wurden die so hergestellten Pamphlete gelesen und ich konnte erste Erfahrungen im Bereich der Printmedien sammeln.

Bald folgten Kugelkopfschreibmaschinen und sogenannte Composer von IBM, die auch die Herstellung von Blocksatz ermöglichten. Kombiniert mit den Rubbelbuchstaben von Letraset ließen sich nun Vorlagen für Drucksachen herstellen, die schon fast professionell wirkten. Aber eben nur fast… Richtig gut sahen dagegen Plakate aus, die ein Buchdrucker in meiner alten Heimatstadt Essen produzierte. Viele Studenten der Folkwang-Schule ließen dort ihre Linol- und Holzschnitte abziehen, nach einer kurzen Einführung in den Handsatz durfte man selbst tätig werden. Das sparte Kosten und machte auch noch Spaß! In der Druckerei entstanden Plakate gegen das Pinochet-Regime in Chile und Grafiken für die Friedensbewegung, der Holzschneider HAP Grieshaber stand mit seinem engagierten Werk Pate und war für alle das große Vorbild.

Nachdem ich zum ersten Mal den unwiderstehlichen Geruch von Leinöl und Werkschwarz in die Nase und das Fauchen und Stampfen der Druckmaschinen in die Ohren bekommen hatte, war ich jedenfalls für andere Karrieren „verdorben“. Nach dem Zivildienst bewarb ich mich an Akademien, die entsprechende Werkstätten vorweisen konnten und wurde 1981 mit meiner Mappe an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg angenommen. Obwohl ich auch in Techniken wie Siebdruck, Radierung und Lithographie eingeführt wurde, blieb der Buchdruck das Verfahren, an dem mein Herz hing. So war ich während meiner studentischen Laufbahn meistens in der Typographischen Werkstatt anzutreffen. Meine Kommilitonen arbeiteten vorrangig an einer Fotosatzanlage oder in der Dunkelkammer und ich kam mir manchmal wie der letzte Mohikaner vor. Als ich wieder einmal einen Holzschnitt bearbeitete, klopfte mir jemand von hinten auf die Schulter und sagte: „Da kenne ich noch so einen…“

So begegnete ich Artur Dieckhoff, seines Zeichens gelernter Schriftsetzer aus Gelsenkirchen. 1984 gründeten wir gemeinsam das Buchdruckatelier „Schwarze Kunst“ in Hamburg und fast zwangsläufig folgten bald die ersten Verlagsprojekte. Der Begriff „Schwarze Kunst“ stammt noch aus der Zeit Gutenbergs und bezieht sich zum einen auf die schwarze Druckfarbe, zum anderen auf die staunenden und des Lesens unkundigen Zeitgenossen, die hinter alldem etwas Magisches vermuteten. Wir beschlossen mit der Namensgebung „Magie wie nie für Großstadtgeister“ zu verbreiten.

Es entstanden erste Mappenwerke der Edition Holzweg, hinzu kamen Bücher, Plakate und Auftragsarbeiten. An der Hochschule war ich immer seltener zu sehen, 1986 folgte der Sprung ins kalte Wasser der Selbständigkeit. Erstaunlicherweise gab und gibt es doch mehr Mohikaner als man denkt und über einen Mangel an Arbeit konnte und kann ich nicht klagen. Die „Schwarze Kunst“ nahm an Ausstellungen und Messen teil und initiierte viele Aktionen. Es entstand eine intensive Zusammenarbeit mit anderen Künstlern wie Felix Martin Furtwängler, Antonio de Andrés-Gayón, Raimund Pallusseck und Tita do Rêgo Silva. Mein Kompagnon brachte unterdessen mit Animationsfilmen den Holzschnitt auf die (Kino-)Leinwand und auf zahlreiche Kurzfilm-Festivals. Für den Münsteraner Kunstverleger Kleinheinrich setzte und druckte ich Werke von Autoren wie Gunnar Ekelöf, Hans Magnus Enzensberger, Thomas Kling, Cees Nooteboom und Botho Strauß. Einige Bücher befinden sich auch im Besitz der GWLB.

Mit diesem Rückblick möchte ich noch einmal ins Bewußtsein rufen, wie rasant die technische Entwicklung vorangeschritten ist. Wie aufwendig und manchmal auch mühselig die Herstellung einer einfachen Drucksache, geschweige denn eines Buches sein konnte, wissen nur noch die “alten Hasen“. Genausowenig können wir uns heute vorstellen, daß man ohne Handys und Computer, ohne DVDs  und Spielkonsolen, ohne Internet und 100 Fernsehkanäle ganz gut leben konnte.

Aber was hat das alles mit dieser Ausstellung zu tun? Der Hersteller von Flugblättern, Plakaten und Büchern sucht immer die Kommunikation, sucht einen möglichst großen Wirkungskreis – während dem Maler ein betuchter Sammler genügen kann, will der Druckkünstler verständlicherweise mehr. Eine Auflage herzustellen ist immer auch ein Risiko, ein Produzieren auf Verdacht. Doch die Luft für kleinere Verlage und künstlerische Unternehmungen ist zunehmend dünner geworden: öffentliche Bibliotheken haben einen minimalen oder keinen Etat für Ankäufe, Buchhändler bieten lieber gängige Massenware als mühselig zu vermittelnde Titel an, der potentielle Käufer muß sich bei immer knapper werdender Kasse zwischen vielen konkurrierenden Angeboten entscheiden. Die klassischen Bibliophilen sterben aus und wissen nicht mehr wohin mit ihren kostbaren Sammlungen…

Und hier komme ich wie versprochen zum Digital- oder Gicléedruck, bei dem mit acht Farben feinste Pigmenttröpfchen auf hochwertiges Papier versprüht werden. Natürlich sitze auch ich mittlerweile vor einem Laptop, bearbeite mit zwei Bildschirmen Fotografien und Graphiken, blicke ab und zu auf das hüpfende Logo des E-Mail-Programms, das neue Nachrichten ankündigt, höre mit dem headset beruhigenden Smooth-Jazz aus dem Internetradio, interviewe gleichzeitig meinen webmaster per chat wegen eines mangelhaften updates, während der Laserdrucker einen Papierstau meldet und das blinkende display des Tintenstrahlers einen niedrigen Farbstand signalisiert. Natürlich kann ich jetzt nicht ans Telefon und bin froh, den AB angestellt zu haben, um in Ruhe eine neue Rolle Faxpapier einlegen zu können…

Nun ja, der Gicléedruck ist … ein optimales Druckverfahren, das auf kleinstem Raum ohne Auflagenzwang beste Ergebnisse erzielt. Auf Nachfrage lassen sich ohne großen Aufwand und ohne Qualitätsverlust weitere Exemplare anfertigen. Falls der erträumte, aber unwahrscheinlichste Fall aller Fälle eintritt und die Massen nach dem Motiv oder dem Buch verlangen, ist eine Datei vorhanden, die sich dann konventionell vervielfältigen läßt. Bleibt es bei dem Einzelstück, ist meine Idee dennoch realisiert und präsentabel.

In der Ausstellung sehen Sie also eine Auswahl von Künstlerbüchern und Auflagengrafik in den Vitrinen, Zeichnungen und Holzschnittcollagen zu dem Buchprojekt „Feuerland“ sowie Fotografien, die entweder digital aufgenommen oder vom Negativ gescannt wurden. Auf ihnen ist nichts Spektakuläres zu entdecken: Verfallende Mauern, Schatten, Fundstücke, Spuren, Sand und Steine, eine Ahnung von Meer und Weite… Vielleicht ist es das, was mich wirklich interessiert – wir werden sehen!

 „Unter Kunst verstehen wir alles, was uns entzückt, ohne daß es uns gehört – die Spur unserer Durchreise, das einem anderen Menschen gewährte Lächeln, den Sonnenuntergang, das Gedicht, das objektive Weltall. Besitzen heißt verlieren. Fühlen ohne zu besitzen, heißt bewahren, denn es bedeutet, aus einer Sache ihr Wesen herauszuziehen.“

(Fernando Pessoa, aus dem „Buch der Unruhe“)

© Klaus Raasch, Eröffnungsrede am 10. April 2008 in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek Hannover