Den Buchstaben die Freiheit geschenkt

Wenn Holz- und Bleilettern die große Freiheit vom Setzkasten feiern, dann geht es rund: Dann wird das K mit Q und Apostroph zum Akrobaten auf einem Einrad, und das J verwandelt sich in einen Seelöwen, der mit einem O jongliert. Der „typographische Circus“ kann beginnen. Der Dompteur in dieser Welt der Zeichen ist Klaus Raasch, seine Arena das Gutenberg-Museum.

„Jongleur“ aus dem typographischen Circus

Raasch, Jahrgang 1960 und seit 1986 als freischaffender Künstler in Hamburg tätig, ist in Mainz kein Unbekannter. Im Juni 2000 war er am größten Farbholzschnitt der Welt auf Initiative des Druckladens beteiligt und auch im Museum war er schon zu Gast. „Schnittstellen“ ist die jetzige, umfangreiche Ausstellung betitelt, die einen bunten Querschnitt seines Schaffens bietet. Schnittstellen deshalb, weil in den Werken unterschiedliche Verfahren einzeln aber auch gemeinsam genutzt werden: Von der Monotypie zu Licht- , Offset- und Tiefdruck bis zu Hand- und Maschinensatz und nicht zuletzt dem digitalen Druck ist alles vertreten. Tradition und Moderne treffen hier spielerisch aufeinander, der „Endpunkt der Ausstellung“, sagt Raasch mit Blick auf die digitalen Verfremdungen eines Watussi- Rindes, „ist vielleicht der Anfangspunkt der nächsten.“

Er sei kein Kind von Traurigkeit, merkt der Künstler an, der 1984 mit Artur Dieckhoff die Buchdruckwerkstatt „Schwarze Kunst“ gegründet hat. Seine verspielte, verschmitzte Experimentierfreude wird in vielen Arbeiten spürbar. Dreiste Ratten, Blumen und Schmetterlinge aus Lettern zeugen von Lebensfreude, von schöpferischer Kraft und jeder Menge Witz. Das Wegwerfen ist seine Stärke nicht. Wozu auch? Alte Fehldrucke, Papierschnipsel und sonstige Restposten überdruckt er mit Fundstücken der aktuellen Produktion. Der Reiz, vorhandenes Material neu zu organisieren, äußert sich auch in einerReihe von Drucken, die von Anagrammen des Begriffs Makulatur flankiert sind: Da wird Maulkraut zum Kulturama oder zum Ulktrauma. Sein Einfallsreichtum stößt sich an keiner Grenze: Zu einer Serie von handgeschöpften Blättern wollte ihm weder Leinen noch Leder passen. Flugs ließ er Terrakotta-Kassetten fertigen. 

Hierzu, aber auch in vielen anderen Bereichen, bedarf es für ein entsprechendes Ergebnis einer guten Kooperation verschiedener Meister ihres Faches, Verleger, Drucker, Künstler. So sind auch Bücher zu sehen, die er mit Neo Rauch, Botho Strauß oder Cees Nooteboom erstellt hat.

Besonders empfehlenswert: der sehr schön gestaltete Katalog zur Ausstellung.

Christopher Scholz, „Rhein-Zeitung“ vom 15. Februar 2008